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Manchmal lese ich, dass gerade im Westen Yoga immer mehr zum Sport verkommt. Ist diese Befürchtung gerechtfertigt? Und was meine ich mit im Westen?

Ursprünglich kommt Yoga als spiritueller Weg der Selbsterfahrung aus Indien. Es hat dort seine traditionellen Wurzeln und wurde erst Mitte des 20. Jahrhunderts bei uns in Europa und in den USA durch ein paar (indische) Gurus importiert. Hier wurde es von einigen Pionieren angenommen und weitergegeben.

Viele Jahre galt Yoga als esoterisch, etwas für spirituelle Freaks und Wollsocken-Träger. Mittlerweile hat Yoga aber den Mainstream längst erreicht. Und die Vermarktung ist rund um den Globus auf vollen Touren. Überall wird geturnt, was das Zeug hält und vom ursprünglichen, spirituellen Weg des Yogas scheint nicht mehr viel übrig zu sein ausser ein paar indische Alibi-Gottheiten als Accessoire für das Studio Ambiente.

Eingangstor Körper

Yoga hat uns Viel-Beschäftigte und Stress-Geplagte in den westlichen Industriestaaten am schnellsten körperlich erreicht, weil wir kulturell mehr körperorientiert geprägt sind und eher unsere Haare zurechtmachen und die Figur trimmen, als uns um den Zustand unserer Seele zu sorgen. Deshalb war der Körper das Eingangstor für Yoga im Westen.

Wir haben Yoga fleissig in unser Weltbild und das Bild unserer Selbst adaptiert und integriert. Wir üben gern und viel auf der Matte, doch der Blick in die Tiefen unseres Geistes oder unserer Seele ist eher noch schüchtern.

Wie oben schon erwähnt, hat Yoga den Mainstream erreicht und in fast keinem Fitness-Studio fehlt mittlerweile das entsprechende Yoga-Angebot. Also ist Yoga doch zum Sport verkommen?

Nein! Ich denke, so pauschal kann man das nicht sagen. All das ist nichts Schlimmes. Im Grunde ist es wunderbar. Yoga findet seinen Weg in jedem von uns. Es ist nichts Verwerfliches, mit dem zu beginnen, was für einen selbst am besten nachvollziehbar ist.  Über den Körper und die Atmung lassen sich tiefere Schichten unseres Seins sukzessive wunderbar erreichen. Der Körper wird zum Ausgangspunkt, aber nicht zum Endpunkt.

Yoga ist ein ganzheitliches System. Yoga ist kraftvoll. Körperlich – mental – seelisch. Das habe ich bereits im vorangegangenen Artikel erläutert. Aber natürlich ist Yoga kein mehr oder minder besserer Ersatz für Fitness-Training. Und Yoga ist nicht nur kraftvoll, sondern auch entspannend. Aber was meint nun eigentlich Entspannung?

Entspannung

Schauen wir uns das Wort Ent-spannung genauer an. Wir haben Spannung und nehmen diese fort beziehungsweise reduzieren sie. Spannung an sich ist aber nichts Negatives. Wir brauchen sie.

Auf der körperlichen Ebene könnten wir ohne eine gewisse Grundspannung nicht aufrecht durch die Gegend laufen. Genauso wenig möchten wir einen derart flexiblen Körper, der wie ein schlaffes Gummiband ist. Wir wären vermutlich nicht fähig, morgens aus dem Bett zu kommen. Auch ein Gummiband braucht Spannung, um seine volle Funktion auszufüllen. Das Geheimnis ist also Ausgewogenheit. Wir brauchen ein Gleichgewicht zwischen Spannung und Entspannung. Und auch zwischen Kräftigung und Dehnung. Deshalb ist es wichtig, dieses Prinzip auf die eigene Yoga-Praxis anzuwenden. Und aus diesem Grund ist es ebenfalls nicht verkehrt, die kräftigenden Übungen des Yogas zu nutzen, welche so sportlich anmuten.

Sehnsucht nach Stille

Die Sehnsucht nach Ruhe und Stille, die manchmal mit Entspannung gleichgesetzt wird, kann erst wirklich erreicht werden, wenn der Körper entsprechend bereit ist beziehungsweise vorbereitet wird. Ein bekanntes Sprichwort lehrt uns doch seit Jahrhunderten: mens sana in corpore sano – ein gesunder Geist lebt in einem gesunden Körper.

Insgeheim glaube ich, dass die Sehnsucht nach Stille und auch die Sehnsucht nach Ganzheit, Frieden und Freiheit der Grund ist, warum Yoga so erfolgreich ist und vielerorts begeistert angenommen wird. Viele Menschen finden zwar erst einmal durch den Körper zum Yoga, doch rührt sich in vermutlich allen von uns eine andere Sehnsucht. Es ist gut, dieser Sehnsucht nachzugeben, ob bewusst oder unbewusst. Sie ist der Ruf der Seele.

Dehnung & Mobilisation

Manchmal sind wir furchtbar ver-spannt und können uns gar nicht so recht ent-spannen. Hier bietet Yoga vielfältige Ansätze der Erleichterung. Durch Dehnungsübungen können wir direkt auf verspannte Körperregionen einwirken, indem die feste, verspannte Muskulatur gelockert wird. Durch sanfte Gelenk- und Wirbelsäulen-Mobilisation können Beschwerden, die unter anderem die Verspannungen verursachen, gemindert werden.

Eventuell erspüren wir während des Übens sogar die damit zusammenhängenden mentalen Blockaden und können hier feste Gedankenmuster gehenlassen.

Loslassen

Manchmal verrennen wir uns in unseren eigenen Gedanken-Konstrukten. Wir haben viele Ideen und Vorstellungen, wie die Dinge zu sein haben. Und manchmal funktionieren wir nur nach dem Schema F-Modell: Wir denken und handeln so, weil es alle so tun.

Ich würde deshalb Entspannung auf der mentalen Ebene eher als Loslassen bezeichnen. Lassen wir doch von Allerwelts-Vorstellungen und Fremd-Erwartungen los. Lernen wir wieder frei zu sein und damit entspannter. Wir müssen nicht allen Menschen und Normen gerecht werden. Aber wir sollten unserem Leben gerecht werden. Lassen wir also alles los, was nicht unser Eigen ist.

Multitasking adé

Ich weiss, wir Frauen sind einsame Spitze darin, vieles gleichzeitig zu erledigen. Wir können das. Aber wir müssen es nicht. Probiere einmal, deinen Tag nach dem „Eins-nach-dem-anderen-Prinzip“ zu strukturieren. Es entlastet enorm. Und es führt zu grosser Entspannung.

In einer Yogastunde lässt es sich wunderbar üben, einen Schritt nach dem anderen zu machen, indem wir achtsam Schritt für Schritt eine Haltung aufbauen und einnehmen.

Kein Höher-weiter-schneller

Ehrgeiz im Yoga ist kontraproduktiv. Hierin liegt einer der grossen Unterschiede zum Sport. Ja, wir sollten nach unserem grössten Potential streben. Aber unverkrampft. Und wir sollten uns schon gar nicht ungesund mit anderen messen. Finde deinen Weg und deinen Stil. Deine Art zu sein und zu leben. Sei du. So einfach ist das. Und während du Du selbst bist, kannst du dich zum Besten Du entwickeln, welches du sein möchtest. Das trifft den Geist des Yoga besser.

Auf körperlicher Ebene brauchen wir nicht unbedingt Kunststücke im Yoga zu vollziehen, um grossen Nutzen davon zu haben. Die Bewegungen und Haltungen sollten Spass machen und dir das Gefühl geben, deinem Körper etwas Gutes zu tun und dir dabei helfen, mental bei dir anzukommen.

Fragen an dich

  • Wann hast du dich das letzte Mal körperlich richtig wohl und ausgeglichen gefühlt?
  • Wann hast du das letzte Mal alles losgelassen, was dich festhält?
  • Wann hast du dich das letzte Mal richtig frei und glücklich gefühlt?

Wenn du darüber nachdenken musst, ist es zu lange her. Komm, entpanne dich und lass los. Geniess Yoga, wenn es dir gut tut in all seinen Facetten. Kraftvoll -entspannt und vor allem frei!

Scarlett Krause

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